Buchcover von meinem Roman »Das Spiel der Ketzerin«. Eine junge Frau in einem roten mittelalterlichen Kleid umfasst ein Streichinstrument. Im Hintergrund fällt die Sonne durch die Butzenglasscheiben einer Fensternische mit steinerner Sitzbank hinter einem roten Vorhang.

"Das Spiel der Ketzerin"

Mitreißende Mittelalterromane mit Herz und scharfer Zunge

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Das Spiel der Ketzerin

Leseprobe

Die Flucht in eine Lüge, die droht, ihr Glück zu zerstören




E s war unwahrscheinlich, dass jemand den Raum betreten würde, dennoch rollte Alida sich schnell unter das Bett. Der Staub stieg ihr sofort in die Nase. Rasch hielt Alida sie zu. Gerade als die Tür geöffnet wurde, entwich ihr dennoch ein leises Niesen, das sie nicht mehr unterdrücken konnte. Inständig hoffte sie, dass es sie nicht verraten hatte. Dann traten zwei Paar Lederstiefel in ihr Blickfeld.

»Sieh an, wenn das nicht das Gemach des ehemaligen Grafen ist«, sagte der eine. Alida legte sich die Hand über den Mund, um keinen unbedachten Laut auszustoßen. Das war eindeutig die Stimme Konrads von Westerburg. Das Herz schlug ihr bis zum Hals.

»Lass uns in der Truhe nachsehen, vielleicht finden wir dort sein Siegel.«

Tränen des Zorns schossen Alida in die Augen und sie biss sich in die Handfläche, während sie hilflos mitanhören musste, wie der schwere Deckel aufgeklappt wurde.

Nach wenigen Augenblicken stieß einer der Männer einen triumphalen Laut des Entzückens aus. Offenbar hatten sie das Kästchen gefunden, in dem ihr Vater seine Siegel verwahrte.

»Ausgezeichnet«, brummte der Komtur zufrieden, während der Deckel wieder geschlossen wurde.

»Kann ich Euch behilflich sein?« Die barsche Stimme gehörte Volkmar.

Alida drehte den Kopf und sah dessen Stiefel im Eingang.

»Wir haben, was wir brauchen«, antwortete Konrad von Westerburg ohne eine Spur von Verlegenheit.

»Was wollt Ihr mit dem Siegelstempel des Grafen?«

»An diesem Ort ist er nicht sicher. Ich nehme ihn an mich, damit niemand ihn missbrauchen kann. Und was sucht Ihr hier, bepackt mit Bündel und Umhang?«

»Ich folge nur Eurem Befehl, die Magd vor die Tür zu setzen.«

»Sehr schön. Danach bereitet alles für die Grablegung der Grafentochter vor. Die Mägde sollen sie waschen und ihr ein sauberes Kleid anziehen.«

Der Komtur ging zwei Schritte auf Volkmar zu und senkte seine Stimme ein wenig. »Sorgt dafür, dass sie nicht über die Stichwunde reden. Offiziell ist die Tochter des Hauses vor Gram über das Unglück ihres Vaters gestorben. Wenn herauskommt, dass Alida von Erkenwald sich selbst gerichtet hat, wird ihr ein Begräbnis in geweihter Erde verwehrt. Das wollt Ihr doch sicherlich nicht gegenüber dem Grafen verantworten, solltet Ihr ihn jemals wiedersehen. Und noch etwas: Lasst diesen Raum für mich herrichten. Hier werde ich künftig schlafen.«

Der Komtur und sein Begleiter verließen die Kammer. Volkmar schloss die Tür hinter ihnen.

»Alida?«, wisperte er.



D ie Erleichterung war ihm deutlich anzusehen, als sie unter dem Bett hervorkroch. Notdürftig klopfte sie ihre Tunika ab. »Diese Höllenhunde«, fluchte sie. »Möge der Blitz sie treffen. Das Siegel haben sie doch nur an sich genommen, um es nach eigenem Gutdünken einzusetzen.«

Verärgert wuchtete sie den Truhendeckel nach oben. Die Kleidung ihres Vaters war durchwühlt und oben auf lag das hölzerne Kästchen. Alida öffnete es. Zu ihrer Freude hatten sie wenigstens das Reitersiegel ihres Vaters darin belassen. Sie nahm es an sich. Es zeigte ihren gerüsteten Vater auf einem galoppierenden Ross. In der einen Hand hielt er sein Wappenschild, in der anderen das an der Lanze befestigte, zweizüngige Gonfanon, die Kriegsfahne. Die umlaufende Inschrift auf dem Stempel bezeugte den Namen des Siegelinhabers: Eduard von Erkenwald.

Alida entnahm der Truhe einen Gürtel samt Tasche. Darin verstaute sie das Siegel und schlang sich den Lederriemen um die Taille.

»Wollt Ihr etwa zum Kaiser und Euch damit bei ihm ausweisen?«, fragte Volkmar und reichte ihr den Umhang aus grober brauner Wolle.

»Ich muss meinen Vater retten und das hier geschehene Unrecht seiner Majestät melden. Die Hochzeit mit Isabella von England wird nächsten Monat in Worms stattfinden. Dort werde ich ihn aufsuchen.«

Alida, bitte, macht Euch nicht allein auf den Weg. Sucht zunächst den jüdischen Kaufmann auf. Sicherlich wird er Euch helfen und Unterkunft gewähren. Außerdem kann Dankwart Euch in Coellen leichter finden, als irgendwo auf dem Weg nach Worms. Ihr erinnert Euch doch sicherlich noch an Salomon ben Isaak?«

Sie nickte. Vor einem Jahr hatte sie den hageren Juden mit dem silbernen Haar und dem langen Bart zuletzt gesehen. Mit dem seidenen, mit Gold durchwirkten Tuch aus Syrien, das er ihrem Vater zum Geschenk gemacht hatte, war der Saum ihrer besten Cotte verziert worden.

Obwohl sie ihn schon seit ihrer Kindheit kannte, wusste Alida kaum etwas über Salomon, außer dass er irgendwo in Coellen lebte. Er war ein stiller Mann in fortgeschrittenem Alter. Eine Frau oder Kinder hatte er bei seinen Aufenthalten auf der Burg nie erwähnt. Alida erinnerte sich daran, dass er ihr immer winzige Portionen unbekannter Köstlichkeiten mitgebracht hatte: kandierte Schleckereien aus Datteln oder Ingwer, Pinienkonfekt und Früchtegelees.

Zu Beginn hatte sie ihn Onkel gerufen, bis ihr Vater es verbot und erklärte, dass Salomon ben Isaak nicht an den Heiland glaubte. Ihr Umgang miteinander müsse sich auf das Geschäftliche beschränken, hatte er befohlen.

Alida hatte das zu Beginn nicht verstanden und versucht, Salomon zum christlichen Glauben zu bekehren. Sie wollte nicht, dass ihm die Verdammnis drohte. Doch er hatte sie immer nur angelächelt, von Gott gesprochen, den er Adonai nannte, und versichert, der Herr würde in die Herzen eines jeden Menschen sehen.

Aber was geschähe, wenn er dort nicht den Glauben an seinen Sohn fände?, hatte Alida gefragt.

Salomon ben Isaak hatte ihre kleinen Hände in die seinen genommen, ihr tief in die Augen geblickt und geantwortet: »Dann wird er in dem Herzen eines kleinen Mädchens genug Glauben für mich mit finden.«

Das hatte Alida fürs Erste beruhigt. Im Laufe der Jahre hatte sie erkannt, dass er zwar anders an Gott glaubte als sie, aber nicht weniger fest. Sie nannte Salomon mittlerweile beim Vornamen, auch wenn er im Herzen für sie ihr Onkel geblieben war.



W isst Ihr, wo ich Salomon ben Isaak finden kann?«

»In Coellen gibt es ein jüdisches Viertel, zwischen der Kirche Sankt Laurenz und dem alten Markt. Ich nehme an, dass er dort lebt.«

»Wohnen denn nicht alle Juden dort?«

Der Truchsess schüttelte den Kopf. »Die meisten sicherlich, aber sie dürfen sich auch anderswo in der Stadt niederlassen. Dennoch rate ich Euch, es zuerst dort zu versuchen.«

»Volkmar«, begann Alida, stockte und warf sich den kleinen Beutel über die Schulter. »Wenn sie herausfinden, dass ich ihnen entkommen bin, werden sie Euch befragen. Versprecht mir, es ihnen zu sagen, damit sie Euch nicht foltern. Ihr werdet gebraucht, vergesst das nicht. Ohne Euch sind die Menschen hier verloren und mein Vater wird kein Heim mehr vorfinden, wenn ich ihn zurückbringe.«

Der Truchsess deutete eine Verbeugung an. »Und Ihr versprecht mir, im Gegenzug keine Tollheiten zu begehen. Gehorcht ben Isaak und wartet, bis Dankwart Euch dort abholt.«

»Ihr kennt mich doch«, versuchte sie auszuweichen.

»Eben, nun gebt mir Euer Wort«, verlangte Volkmar hartnäckig.

»Ich verspreche, Eure Wünsche zu befolgen«, antwortete Alida feierlich, kreuzte jedoch hinter ihrem Rücken Zeige- und Mittelfinger miteinander. Wer konnte schon wissen, was sie in Coellen erwarten würde. Es war sicherer, sich mit dem Fingerkreuz zu vergewissern, dass sie im Falle des Schwurbruchs nicht in der Hölle landete.
Entgegen aller Gewohnheit umarmte sie Volkmar kurz und verließ ungesehen die Burg.


Das Spiel der Ketzerin

Historischer Roman

HarperCollins
480 Seiten
ISBN: 978-3-74990-148-7
Taschenbuch: 11,00 Euro
E-Book: 8,99 Euro


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